In A Normal Lost Phone [App Store] von Accidental Queens (@AccidentalQ) muss der Spieler Detektivarbeit leisten, dafür aber kein Rollenspiel eingehen. Die App verwandelt das eigene iPhone in das Smartphone des 18-jährigen Samuel. Die Kalender-App zeigt Sams banale Termine und Verabredungen, die Galerie-App Schnappschüsse von seiner Geburtstagsfeier. Wer möchte, kann sich von Sams Lieblings-Musik berieseln lassen, während er sich durch Dutzende Chat-Nachrichten wühlt. Beim Durchstöbern des fremden Smartphones konstruiert man die Lebensgeschichte des Besitzers.


Aufmerksamen Nachrichten-Lesern formt sich sukzessive ein Bild des Smartphone-Besitzers und seines Umfelds. Zwischen Geburtstagswünschen und Tratsch findet sich ein Hinweis auf ein WLAN-Passwort, durch das man auch Sams E-Mails abrufen kann und ihm so noch näher kommt. Weiteren Einblick erhält man, wenn man auch das Passwort zur Partnerbörse “Lovebirds” findet. Diese interaktive Erzählung – nicht etwa das trickreiche Hacken des Geräts – steht im Zentrum von A Normal Lost Phone. Bereits nach knapp zwei Stunden ist diese allerdings auserzählt und dabei nicht immer fesselnd.


Wenn man sich minutenlang durch Teenager-Tratsch lesen muss, ist es anstrengend. Vor allem, wenn dabei offensichtlich politisch-inkorrekte und verächtliche Äußerungen einiger holzschnittartiger Figuren schockieren sollen. Wie viel man dem Titel schließlich abgewinnen kann hängt davon ab, wie sehr man sich für die sexuelle Orientierungssuche einer fiktiven Person interessiert. Interessant und spannend ist die Geschichte nämlich nicht, das Ende nicht sonderlich überraschend – da haben vergleichbare Titel wie Sara is Missing oder Mr. Robot:1.51exfiltrati0n.apk die narrative Messlatte deutlich höher gelegt.


Die Gestaltung der App sorgt dafür, dass man zu keiner Zeit vergisst, dass man sich in einem Spiel befindet: Statt bekannter App-Symbole und Fotos mit Darstellern verwenden die Entwickler eine Cartoon-Anmutung in Pastell-Palette. Interessant ist an A Normal Lost Phone jedoch vor allem, dass es dem Spieler aufzeigt, wie einfach man durch Gelegenheit und Voyeurismus in die Privatsphäre anderer eindringen kann und was unsere täglichen Begleiter über ihre Besitzer verraten – wenn der Inhalt der Erzählung nicht das Schnüffeln im Privaten verleitet.

Rating: ★★½☆☆