Das lang erwartete Thimbleweed Park [App Store] wirkt aus der Zeit gefallen. Ein klassisches Adventure mit Inventar-System und Pixelgrafik, das an die frühen LucasArts-Klassiker wie Maniac Mansion und Zak McKracken erinnert. Hinter dem Projekt von Terrible Toybox steckt unter anderem Ron Gilbert (@grumpygamer), Vater der berühmt-berüchtigten Monkey-Island-Spiele, der einen 2014 per Crowdfunding finanzierten nagelneuen Retro-Abenteuer-Klassiker erschaffen hat.


Genre und Gilbert gebieten eine vorangestellte Warnung: Es wird wirr. Die Adventure-Logik von Thimbleweed Park spottet ihrer Beschreibung – statt analytischer realitätsbasierter Logik, ist um-die-Ecke-Denken gefragt. Löblich daher, dass der Titel zwei Schwierigkeitsgrade anbietet. Der härtere entspricht dem Director’s Cut: Mehr haarsträubende Rätsel, die wirrere Logik und viel Ausdauer zur Lösung voraussetzen. Doch Obacht, nach der Auswahl ist kein Wechsel mehr möglich. Grundsätzlich ist der leichtere (“Casual”) Schwierigkeitsgrad zu empfehlen, bei dem viele Rätsel auf das Wesentliche eingedampft sind.


Der Kalender zeigt das Jahr 1987, der Ort ist die 81-Seelen-Gemeinde Thimbleweed Park: Zu Beginn des Spiels stolpert ein Boris mit dickem deutschen Akzent durch das Bild und liegt alsbald mit einem Loch im Kopf in der örtlichen Furt, was die beiden FBI-Agenten Reyes und Ray auf den Plan ruft. Die beiden harmonieren wie Fox Mulder und Dana Scully und verfolgen – neben der gegenseitigen Abneigung – eine eigene Agenda, die permanent als Subtext mitschwingt. Wie in Maniac Mansion wechselt der Spieler zwischen den beiden, später auch anderen Figuren, um das Verbrechen zu lösen und die Hintergründe aufzudecken.


Das Spielprinzip ist das Bekannte/Bewährte: Tippgesten dirigieren die Figuren durch die Kulissen. Aus einer Matrix von Verben wählt man auszuführende Aktionen und pickt sich aus einem Inventar Gesammeltes, um dies zu verwenden. Neben unangenehm viel Rennerei verbringt man angenehm viel Zeit in der Unterhaltung mit den skurrilen Bewohnern des Kaffs – allesamt atmosphärisch eingesprochen, wahlweise mit Deutschen Untertiteln und bis auf die Interpunktion pointiert komponiert. Größter Segen ist das Hot-Spot-System: belässt man den Finger (sehr) lange auf dem Bildschirm, werden Interaktionsmöglichkeiten hervorgehoben


Was stets bei der Stange hält, ist der irre Humor, der vor Anspielungen auf Popkultur im Allgemeinen und andere LucasArts-Titel im Besonderen strotzt. Wenn man bereits in der ersten Viertelstunde auf ein paar als Tauben verkleidete, gurrende Damen trifft, die sich als Klempnerinnen vorstellen und deren Dienstfahrzeug mit einem überdimensionierten Wasserhahn auf dem Dach verziert ist, dann ist das nur ein Vorgeschmack auf den Wahnsinn, auf den sich der Spieler in den kommenden Stunden einlassen muss/kann/darf.


Was für viele Spieler die Freude an Thimbleweed Park hochhalten dürfte, ist die Spielerführung im niedrigen Schwierigkeitsgrad. Die beiden Agenten führen in ihren Inventaren Listen mit sich, auf denen Sie zu Erledigendes dokumentieren, in den Dialogen untereinander machen sie sich gegenseitig Vorschläge, wie sie weiter ermitteln könnten und schließlich bietet sich Verzweifelten die Möglichkeit, aus einer Telefonzelle eine Hotline anzurufen, die unter der Rufnummer 4468 Tipps zum weiteren Vorgehen gibt. Trotz der Vereinfachungen machen die Rätsel Spaß – ein mehr an Logik fördert den Spielfluss.


Doch selbst wer das Abenteuer “lediglich” im Casual-Modus angeht, kommt nicht umhin, alles anzusehen, alles zu drücken, alles zu ziehen und alles miteinander zu verwenden. Wenn etwa der zu seiner Schrottmusik zappelnde Jugendliche den Spieler ignoriert, muss man schon darauf kommen, seinen Ghetto-Blaster zu “drücken”. Und so viel Allgemeinbildung, dass sich Tresore hinter Bildern und Postern verbergen, setzt Gilberts Team voraus. Und wenn die anstrengenden Passagen des ratlosen Umherlaufens auch ermüden, entschädigt der Titel den Spieler stets mit so viel schrägem Humor, dass er für mehrere Spiele gereicht hätte.

Rating: ★★★★½