Nach dem gut zwei Jahre zurück liegenden Insel-Urlaub auf Radiation Island geht es zurück in die Stadt. Beim Nachfolger ihres Open-World-Survival-Horror-Titels greifen Atypical Games (@atypicalgames) auf Bewährtes zurück und versuchen sich daran, Gutes besser zu machen. Radiation City [App Store] ist seinem Vorgänger in vielerlei Hinsicht ähnlich, nur haben sich die Kalifornier daran versucht, von allem mehr aufzutischen. Ihrem großen Vorbild Dead Island sind sie dabei ein großes Stück näher gekommen. Also: Ab in das strahlende Zombie-Massaker.


Das verstrahlte Umland des Tschernobyl-Reaktors hat sich nach mehr als 30 Jahren zu einer Touristenattraktion entwickelt, der auch die Frau des Protagonisten verfallen ist. Als sich die Holde von ihrem Ausflug nicht zurück meldet, macht sich der Lebenspartner auf die Suche und schmiert mit seiner Propellermaschine prompt über Pripyat ab. Was ihm nach der Bruchlandung bleibt, ist was er am Leibe trägt – und der Wille, die Holde zu finden. So geht es dann auf Spurensuche durch die wunderschön anzusehende Pampa. Wie gut sie aussehen soll, kann man einstellen – bis sich das iPad merklich erwärmt und der Akku rasant leert.


Die Steuerung ist iPad-Egoshooter-typisch. Mit den Daumen lenkt man den Helden und lässt ihn sich umschauen. Virtuelle Tasten sorgen dafür, dass er um sich schlägt und ungelenke Sprünge unternimmt. Alles was Platz in seinen Taschen findet, sammelt der Gute ein. Allerdings ist das aufgrund der räumlichen Beschränkungen des Beinkleides wenig. Radiation City will Spannung durch Realismus erzeugen: Es braucht schon einen Rucksack, um mehr als zwei Dosen Fleisch tragen zu können und das aus Half Life bekannte und geschätzte Brecheisen nutzt sich – wie alle anderen Gegenstände – bei Verwendung ab.


Als wäre die Inventar-Jonglage und das fortwährende Auslagern von Gefundenem nicht nervig genug, machen die Entwickler das Überleben noch härter. Hunger und Durst plagen den Helden, der gut daran tut –neben Taschenlampe und Schlagwaffe – auch stets einen kleinen Snack und eine Feldflasche mit sich zu führen. Ist all das internalisiert, lassen sich die strahlenden Zombies nicht lange bitten. Stöhnend schleichen sie durchs hohe Gras und bestürmen den Helden, sobald sie ihn erblicken. Stress stellt sich ein und die Nackenhaare auf.


Den Wegmarken entlang dringt der Spieler immer weiter durch die Pampa bis zur namengebenden Stadt Pripyat mit all ihren aus Call of Duty – Modern Warfare bekannten Sehenswürdigkeiten vor. Löst der Spieler brav die an den Wegmarken auf ihn wartenden Aufgaben – die sich meist auf das Erreichen des Ziels beschränken – darf man zur Belohnung die Charakterwerte des Helden verbessern. Damit man sich in der sehr, sehr, sehr weitläufigen Spiellandschaft nicht verläuft, gibt es diverse Karten und auch was als nächstes zu tun ist, kann man jederzeit einsehen.


Die ganz große Stärken von Radiation City sind das atmosphärische Setting und die auf iOS selten gekannten Freiheiten. Wenn der Sinn danach steht, kann man mit dem Jeep durch die Pampa fahren, oder auf der Straße Hühner, Hirsche und natürlich Zombies ummähen. Wer möchte, nistet sich im ersten Stock einer Ruine ein und bringt mit dem Jagdgewehr Bären und Wölfe zur Strecke. Allerdings – und da verschleiert auch der postapokalyptische Kunstgriff nichts – ist die Welt überwiegend leer; eine Kritik, die sich auch Morphite jüngst gefallen lassen musste.


Wie die erwähnte Weltraumoper scheint auch Radiation City etwas zu ambitioniert. Technisch haben Atypical Games alles reingebuttert: tvOS-Unterstützung, iCloud-Sync und zahllose Konfigurationsoptionen. Allerdings fehlt an vielen Ecken und Enden an Feinschliff, wenn Grafikfehler die Spielfigur verdecken oder Füchse zuckend im Kreis durchs Feld laufen. Doch schließlich darf man Radiation City – auch wenn der Titel es oberflächlich nahe legt – nicht mit Konsolentiteln wie Dead Island vergleichen. Schließlich amüsiert man sich so gut wie mit dem Vorgänger.

Rating: ★★★★☆